Bogenschießen zu PferdFoto: Jonny Wüst, Wirges - oder auch ohne

Vor Jahren hatte ich in einer Pferdezeitung einen Bericht zu diesem Thema gelesen und fand damals schon den Gedanken reizvoll. Aber wie das so ist, bei all dem täglichen Brassel verschwinden solche Ideen schnell in der Versenkung.  Bis der Nächste mit dieser Idee kommt.  Das war in diesem Fall Mary, die auf dem Mittelaltermarkt der Burg Satzvey einen ungarischen Pfeil- und Bogenhändler kennen gelernt hatte, daraufhin im Internet geforscht und Erstaunliches über einen Lajos Kassai in Ungarn erfahren hatte.

Der Ungar Lajos Kassai ist die Schlüsselperson des europäischen Bogenschießens zu Pferd. Er ist von Hause aus Bogenbauer, und man muß wissen, daß dieser Beruf in Ungarn eine lange Tradition hat und immer noch gut angesehen ist. Der Sport des Bogenschießens  - vom Boden aus - ist in Ungarn weit verbreitet. Kassai interessierte sich für die traditionellen Formen und Techniken der Bögen der Magyaren, das ist das Volk, das vor Jahrhunderten aus der östlichen Steppe kommend den Bereich des heutigen Ungarns erobert und die Nation quasi begründet hatte.

Wie fast alle asiatischen Eroberer des südöstlichen Europas - ähnlich wie die Hunnen und die Mongolen - waren die Magyaren Reiterkrieger, und ihre gefürchteten Waffen waren Pfeil und Bogen. Die schnellen, wendigen Pferde und eine geschickte, blitzartige Kampftaktik machten diese Völker nahezu unüberwindlich. Lediglich das regnerisch-nasse Wetter des atlantisch geprägten Mittel und Westeuropas stoppte ihren Siegeszug: ihre Bögen verloren ihre Kraft.

Foto: Mary Nirgot, DernbachWas unterscheidet nun die Bögen der Steppenvölker von den Kriegsbögen, wie sie im Mittelalter im westlichen Europa gebraucht wurden. Ein in der Leistung vergleichbarer Englischer Langbogen schießt auch bei Regenwetter nahezu gleich gut wie im Trockenen, aber er ist einfach zu lang, um auf den Pferderücken hantierbar zu sein. Ein Reiterbogen muß nahezu einen halben Meter kürzer sein (so um die 1,30 m), aber nicht schwächer.

Eine Herausforderung für die asiatischen Bogenbauer, doch nicht die einzige. Während im feuchten Mittel- und Westeuropa ideale Bogenhölzer wachsen, Esche und Eibe zum Beispiel, ist in der Steppe langes, gerades und unverdrilltes Holz Mangelware. Die erfinderischen Leute behalfen sich, indem sie kürzere Hölzer schichtenweise verleimten, und zusätzlich tierische Produkte - Horn und Sehnen - außen und innen auf den Holzverbund aufleimten - auflaminierten. Diese tierischen Materialien konnten stärkere Zug- und Druckspannungen aufnehmen und umsetzen, und damit war gleichzeitig der Weg geebnet, einem kürzeren Bogenstab die gleiche Wurfleistung zu verleihen wie einem wesentlich längeren Stab aus Vollholz.

Ein gutes Beispiel dafür, wie eine Not - das mangelnde ideale Holz - und eine Notwendigkeit - die eines kurzen, starken Bogens für einen Reiterkrieger - zu einer beeindruckenden Technologie führten. Zum Nachteil für die Asiaten und zum Glück für die Europäer verwendeten die Bogenbauer zum Verleimen zwar erstaunlich gute Kleber aus Knochen oder Haut, die aber nicht wasserfest und schimmelresistent waren.  Man versuchte, durch ölgetränkte Lederumwicklungen dem Verfall entgegenzuwirken.  Aber irgendwo zwischen Wien und Lyon siegte die Nässe.

Als Lajos Kassai die traditionellen Bögen nachbaute, war ihm klar, das mit den anfälligen natürlichen Materialien die Idee eines modernen, allzeit bereiten Sportgeräts nicht zu realisieren war. Glasfiber und Kunstharze fanden schon im modernen Bogenbau Verwendung (wie zum Beispiel auch beim Bau von Skiern), und der Meister setzte sie für seine Bögen ein. Dabei orientierte er sich durchaus an der Form und Physik der traditionellen Bögen, und schuf so eine unvergleichliche Synthese aus Schönheit und Funktionalität.

Und natürlich wollte er wissen, ob seine Meisterwerke auch funktionieren - nicht nur vom festen Boden aus, sondern vom galoppierenden Pferd, wie bei seinen Vorfahren. DenFoto: Larissa Stahl, Würzburg dornenvollen Weg, die entsprechenden Fähigkeiten und Techniken zu entwickeln, beschreibt er wunderschön in seinem Buch "Bogenschießen vom Pferd" ISBN:963 937 80 3.

Aber was hat das alles mit uns hier und unserer Reiterei zu tun? Nun, Kassai entwickelte für seine Idee einen Reitstil, eine Art mit Pferden umzugehen und eine Form der Pferdehaltung, die dem üblichen europäischen Standard wenig entspricht,  aber sehr ähnlich unseren Gedanken dazu ist. Das ist alles nachzulesen in seinem Buch.

Und so habe ich Anfang 2006 auch frech und kühn behauptet, das unsere Pferdchen die Aufgaben eines Bogenreiterpferdes schnell lernen werden.

Schaut Euch die Bilder an. Bei dem wenigen Training, was für uns möglich war, und der unzureichenden Bahn - damals viiiiiel zu kurz und immer noch nur wenige Wochen im Jahr nutzbar - ist das Ergebnis durchaus ansehnlich. Gut, wir haben uns nur mit den Pferden intensiver beschäftigt, die der Angelegenheit von Anfang an gelassen gegenüber standen. Und mit dem gleichmäßigen, ruhigen Galopp auf der Bahn hapert es auch noch. Aber der Anfang ist gemacht.

Auch für das Bogenschießen an sich mußte Lajos Kassai neue Wege suchen. Oder alte, wie man will.  Der moderne Schütze zielt mit seinem Gerät, und wertet es mit jeder Menge Technik auf: Visiere, Stabilisatoren. Der Schütze auf dem Pferderücken hat keine Zeit zum Zielen und keinen Platz für den anderen Schnickschnack. Nicht nur, daß es das Pferd mit seinem Körper lenken muß (er braucht die Arme, um den Bogen zu spannen), er muß auch noch aus den unbewußten Aktionen seines Körpers den Pfeil ins Ziel fliegen lassen.

Foto: Karl Lindemann, SchleidenSolche Bogenschützen verwenden für ihre Art, mit dem Gerät umzugehen, den Begriff "instinktiv" oder "intuitiv", und ich nenne unsere Art zu Reiten oftmals ebenfalls "intuitiv".

Diese archaischen Formen des Umgangs mit dem Pferd und mit Pfeil und Bogen sind sich im Grundgefühl erstaunlich ähnlich und ergänzen sich. Was man in dem einen Bereich verstanden hat, kann man auf den anderen übertragen. Und was einem hier verschlossen bleibt, kann sich dort erschließen und zurück übertragen werden.

Ganz zu schweigen von der Faszination, die die Kombination beider Künste ausübt.

Inzwischen sind nicht nur Mary und ich vom RBS- ( = Reiterbogenschieß-) Virus infiziert, sondern auch viele andere hier.  Das bedeutet, daß wir endlich mal regelmäßiges Training (für Pferde und Reiter) anfangen und Konzepte erarbeiten müssen, die den vielen Interessenten von außerhalb unseres Kreises, die in der Regel mindestens eine der beiden Sportarten überhaupt nicht beherrschen, einen Einstieg ermöglichen. Auch ist unsere Bogenschieß-Reitbahn immer noch nicht ideal. Sie ist zwar in der Länge auf fast 200m Meter angewachsen, aber nicht befestigt. Das bedeutet, daß Training und Kurse nur bei trockenem Wetter stattfinden können, sonst wird aus ihr schnell eine schlammige Buckelpiste.

Sicher werden wir hier nicht den sportlichen Ehrgeiz entwickeln, den Lajos Kassai und seine Schüler in Europa und Amerika an den Tag legen. Aber Spaß und Freude an unseren persönlichen Erfolgen werden wir haben.

Noch ein paar weiterführende Links:

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Wochenendseminar " Intuitives Bogenschießen"

Wie oben schon angesprochen, kann der Reiterbogenschütze nicht in konventionelle Weise zielen, weder einäugig über den Pfeil hinweg, noch mit Hilfe irgendwelcher Zielvorrichtungen. Er hat dazu zu wenig Zeit, ist selber durch das Pferd zu bewegt und der Pfeil in Augennähe ist nicht ungefährlich. Das "Justieren" seiner "körpereignen Zielvorrichtung" muß automatisch - eben intuitiv oder wie andere Trainer sagen instinktiv - erfolgen. Es ist erstaunlich, zu welchen Leistungen unser Körper fähig ist, wenn wir ihm das nur zutrauen und ihm genügend Zeit zum Üben lassen.

Bei diesem Wochenendseminar werden die Grundlagen vermittelt oder auch ein aufbauendes Training ermöglicht. Wir schießen mit ungarischen Reiterbögen draußen auf der Wiese. Unsere Trainer vermitteln die Grundhaltung, die Technik des blinden Aufnockens und demonstrieren alternative Aufnocktechniken. Und dann geht es ans Üben, bis einem die Finger abfallen.

Damit das nicht wirklich passiert, werden andere Beschäftigungen eingeschoben. Wir zeigen, wie Pfeile gebaut und repariert werden. Und da es nicht sinnvoll ist, neben dem intuitiven Bogenschießen auch auch das Bogenschießen mit einäugigem Zielen zu üben, versuchen wir das mit anderen Waffen, mit der Armbrust und dem Luftgewehr beziehungsweise der Luftpistole.

Dieser Kurs ist schon dafür gedacht, dem Reiterbogenschützen die nötige Basis und Übung zu geben. Das Schießen vom Boden aus wird auch im folgenden Seminar vermittelt, aber die Zeit zum Üben fehlt dort. Aber auch für sich allein genommen ist das intuitive Bogenschießen eine fantastische Sache, die Körper und Geist gleichermaßen schult und richtig Spaß macht.

Teilnehmer: 4 bis 10 Personen

Termin: nach Absprache

Kosten: 140 Euro , inklusive Ausrüstung, zuzüglich Übernachtung und Essen (gemeinsam auf Umlagebasis möglich)

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  Seminar "Bogenschießen zu Pferd"

Dieser Kurs ist für Fortgeschrittene gedacht oder zumindest für Leute, die sich einigermaßen sicher auf dem Pferd halten können. Bogenschießerfahrung wäre natürlich auch von Vorteil, besonders wenn "intuitiv" geschossen wurde. Aber da wir das spezielle Schießen erst mal ausgiebig vom Boden aus üben, können Erfahrungen gesammelt werden, bevor die Pferde bestiegen werden.

Wir reiten zu der Weide, auf der die Bogenschießbahn installiert ist, und lernen dabei die Tiere kennen. Und dann geht es ans Trainieren, erst im Schritt, danach im Galopp.  Der zweite Tag ist für freies Training gedacht. Wenn noch Zeit ist, reiten wir unsere Pferde anschließend zur Herde zurück 

Teilnehmer:  4 bis 10 Personen, mit Reiter-Qualifikation

Termin: Mitte September nach Absprache

Kosten: 160 Euro, inklusive Pferde und Ausrüstung, zuzüglich Übernachtung und Essen (gemeinsam auf Umlagebasis möglich)

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Gruppenveranstaltung: Heranführung an das Bogenschießen vom PferdFoto: Michael Bauer, Hachenburg

Als Beispiel soll hier eine Veranstaltung skizziert werden, in deren Verlauf eine Gruppe von Leuten, die sich untereinander kennen - eine Bürogemeinschaft, ein Kegelclub oder vergleichbares - und die zum überwiegenden Teil weder Reiten können noch jemals Pfeil und Bogen in der Hand gehabt haben, einen ersten Kontakt mit dieser Kombi-Sportart bekommen. Gegen Ende des Kurses soll jeder Teilnehmer mehrere Schüsse vom Pferd im Schritt abgeben.

Drei Tage sind geplant: Anreise Freitag Mittag, Abreise Sonntag Nachmittag. Übernachtung im Hotel oder - sehr nah an der Natur - im großen Gruppenzelt auf der Pferdewiese, daß dann auch gemeinsam auf- und abgebaut werden muß. 

Der Freitag Nachmittag steht im Zeichen der Theorie und der Vorbereitung mit Hilfe unserer Holzpferde "Hektor" und "Helena". Abends wird die verwendete Technik des Bogenschießens erklärt und die ersten Schießübungen unternommen.

Samstag Morgen finden sich jeweils zwei Teilnehmer zu einem Paar zusammen, die abwechselnd als "Buddies" die ersten Erfahrungen auf dem Pferderücken im Gelände machen.  Zuvor jedoch werden die Pferde geputzt und gesattelt, und damit der erste Kontakt zwischen mensch und tier erstellt. Danach geht es "raus", auf echten, lebenden Pferden. Sollten bei der Gruppe Leute mit Reiterfahrung dabei sein, können diese parallel mit einem anderen Scout einen zweistündigen Ausritt machen.

Nach dem Mittagsimbiss noch eine Lektion in Theorie, danach haben alle genug Zeit, ihre Fähigkeiten im Bogenschießen zur verbessern.

Der Sonntag beginnt mit Schießübungen von "Helena" und "Hektor". Und als krönenden Abschluß führen sich die Buddies abwechselnd durch die Reitbahn: der eine führt das Pferd, der andere schießt.

Foto: Jonny Wüst, WirgesUnd wenn wirklich jemand so gut reitet, daß er vom galoppierenden Pferd schießen will, dann darf er das im Anschluß versuchen.

Die Kosten für eine solche Veranstaltung sind von vielen Parametern abhängig: Wo wird übernachtet? Ist die Verpflegung inbegriffen oder Selbstversorgung geplant? Wie groß ist die Gruppe? Sind zusätzliche Aktivitäten vorgesehen? Wir können nur nach Absprache ein Angebot ausarbeiten.

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