Vertrauenstraining im Gelassenheitsparcour Foto: Karl Lindemann, Danke Sandra!

Im Seminar kommen  die Teilnehmer in Situationen, in denen sie das Vertrauen der Pferde gewinnen müssen und dann mit den Tieren Aufgaben lösen müsse, die gar nicht so angenehm sind. Zwar sind unsere Pferde erstaunlich unbeeindruckt von den "Wundern des modernen Lebens", aber das "Schwarze Tor des Schreckens" oder die "Wippe ohne Wiederkehr" bleiben Hindernisse, die sie nur hinter einer vertrauungswürdigen Leitperson passieren können.

Folgendes steht auf dem Plan:

Dieser Gelassenheitsparcour besteht aus folgenden "gar erschröcklichen Dingen":

Je nach Gruppengröße setzen wir mehrere Trainer ein. Die Zeit für die einzelnen Trainingsabschnitte ist frei und wird von den Anforderungen und Fortschritten bestimmt. Es werden immer wieder Pausen für Gespräche und gemeinsame Reflektionen eingeschoben. Schnell wird klar, daß der Begriff "Training" sich nicht nur auf die Pferde bezieht.

Teilnehmerzahl: 4 bis 10 Personen

Termin: ein Wochende Ende September oder nach Absprache

Preis: 220 Euro (ohne Übernachtung und Essen, gemeinsame Mahlzeiten auf Umlagebasis möglich)Foto: Karl Lindemann, Danke Sandra!

 

Hintergrundwissen

Mensch und Pferd können hervorragend zusammen arbeiten. Der Grund dafür ist nicht zuletzt in der ähnlichen Struktur der sozialen Gruppen der beiden Spezies zu suchen. Kleinfamilien - ein "Hengst", ein bis fünf "Stuten" und die dazugehörigen Nachkommen - leben in einem größeren Herdenverband zusammen. In der Familie sind die Aufgaben so verteilt: die cleverste der Stuten sagt, wo es lang geht, und der Hengst sichert die Gruppe nach außen hin ab, vor Freßfeinden, aber auch vor Übergriffen anderer männlicher Individuen.

In der Herde, also der übergeordneten sozialen Struktur, werden Entscheidungen auf den ersten Blick konsensmäßig getroffen. In verblüffender Einigkeit zieht die Herde zu neuen Weidegründen oder flieht, wenn Gefahren nahen. Erst bei genauerem Betrachten fällt auf, daß einige "Persönlichkeiten", nahezu unabhängig vom Geschlecht, offensichtlich von der gesamten Herde als  Führung akzeptiert werden, ohne daß sie in der eigentlichen Situation ihre Position herausstellen müssen. Das ist auch sinnvoll, denn wenn Entscheidungen anstehen, ist es nicht zielführend erst darüber zu diskutieren, wer die Entscheidungsgewalt hat.

Wie kommt nun das Leitindividuum in diese herausragende Position. Es ist durchaus nicht immer der Stärkste, Aggressivste, Wildeste, der die Stellung innehat. Viel wichtiger scheinen Klugheit und Intelligenz zu sein, oder  die Fähigkeit, aus jeder Situation einen Ausweg zu finden. Und dann ist da noch etwas, was sich schwer in Worte kleiden läßt. Am ehesten beschreiben Präsenz, Wachheit oder auch Charisma diese Eigenschaft. Strahlt ein Wesen das aus, und beweist es außerdem in kniffeligen Situationen immer wieder seine Fähigkeiten, vertraut ihm der Rest der Herde.

Fragen wir unbeeinflußte Besucher angesichts unserer Traberherde, welche Pferde sie am meisten beeindrucken, so zeigen sie meist auf die beiden Leittiere, auf Julia und Bronco.

In der vierbeinigen Gesellschaft sind die Verhältnisse klarer als in der zweibeinigen. In der Pferdeherde gibt es keine Korruption und keine Vetternwirtschaft.

Die Führungsposition ist durchaus nicht unangefochten, sondern wird von den übrigen Mitgliedern der Gesellschaft immer wieder in Frage gestellt. Allerdings sind handgreifliche Auseinandersetzungen um den "Chefsessel" selten. Meist genügt ein kurzer Blicktausch, ein herausforderndes Anblicken oder eine kaum auffallende Drohgebärde, um die Positionen klar- und das Vertrauen wieder herzustellen. Prügeleien und Mobbing sind ein Zeichen der unteren Ränge.

Foto: Karl Lindemann, Danke Andi!Wenn Menschen mit Pferden interagieren, entsteht eine speziesübergreifende Sozietät.  Dabei wäre es sinnvoll, wenn der Zweibeiner dabei die leitende Position innehat. Beide Lebewesen können hervorragend miteinander interagieren und gemeinsam Aufgaben lösen, wenn die Kommunikation zwischen den Partnern funktioniert. Das kann anfangs etwas schwierig sein, da Mensch und Pferd unterschiedliche Kommunikationswege bevorzugen.

Menschen kommunizieren untereinander vorrangig akustisch über Sprache, die eine sehr komplexe Struktur und Funktionalität der  oberen Luftwegen und des Mundbereiches voraussetzt. Die zweite Kommunikationsebene, die optische, das heißt durch Mimik und Körpersprache, ist durchaus vorhanden, wird aber eher unbewußt eingesetzt und ist in vielen Fällen kaum willentlich zu beeinflußen. Die dritte Ebene, die chemische über Geruchstoffe (Pheromone, olfaktorische Komunikation) ist in der Regel völlig der Kontrolle des Verstandes entzogen.

Die Pferde kommunizieren in erster Linie optisch. Gesichtsmimik, Spiel der Ohren, Körperhaltung bilden zusammen eine äußerst komplexe "vokabelreiche" Ausdrucksform. Und wenn sie lernt, von der artspezifischen Form des Gesichtes und des Körpers zu abstrahieren, kann die eine Spezies die Mimik und Körpersprache der andern problemlos lesen.  Pferde sind Meister darin, dies bei den Menschen zu machen. Menschen tun sich in der Regel (bei den Pferden aber auch bei ihren Mitmenschen) schwerer damit, da sie - siehe oben - bevorzugt untereinander über Sprache kommunizieren.

Letzteres könne Pferde in gewissem Umfang auch. Untereinander haben sie ein reiches Foto: Karl Lindemann, Danke Andi! Spektrum an Lautäußerungen, mit deren Hilfe sie Informationen über größere Distanzen austauschen können. Von Sprache in unseren Sinne sind sie jedoch noch entfernt, da ihr Kehlkopf nicht dementsprechend gestaltet ist. Verhaltensforscher haben herausgefunden, daß Pferde bis zu 60 menschliche Worte eindeutig zuordnen können, nur mit dem "aktiven Wortschatz" hapert es bei ihnen. Trotzdem versuchen einige den Menschen besonders zugewandte Tiere, durch eigentlich untypische Grunz- und Brummgeräusche "ihren" Menschen etwas mitzuteilen,  wenn eine besondere Situation das erfordert. Es war für mich eines der berührendsten Erlebnisse, als Conny mich mit dieser Art "Sprache" zum Mitkommen aufforderte, weil Prinz am anderen Ende der Wiese mal wieder im Zaun hing.Foto: Karl Lindemann, Danke Andi!

Wenn wir nun als Mensch in einer Pferdeherde in die Position des "Leittieres" kommen wollen, müssen wir uns den Tieren auf "Pferdisch" verständlich machen, selber ihre Sprache verstehen, und durch unseren Ausdruck und unser Verhalten beweisen, daß wir dieser Aufgabe auch gewachsen und ihres Vertrauens würdig sind. Handicaps (steifes Kreuz, Humpeln) und "Slapsticks" (Stolpern übern Mauswurfshaufen) sind kontraproduktiv. Brutale Gewaltanwendungen bringen nur kurzfristige Ergebnisse, aber kein andauerndes Vertrauen. Sie können aber durchaus zur Klärung einer angespannten Situation oder Herausforderung beitragen. Bitten und Mit-Futter-Bestechen ist unterwürfiges Verhalten und bewirkt, daß das Pferd sich in der Chefposition sieht (und das bei nächster Gelegenheit auch demonstriert). Vorgetäuscht Forschheit mit "Schiss in der Büx" wirkt lächerlich, da sind sich die Pferde und menschlichen Beobachter einig.

Es ist kaum möglich in der Körpersprache zu lügen. Aber wir können unsere Persönlichkeit trainieren, indem wir uns immer wieder in Situationen bringen, in der wir unsere Stärke herausstellen müssen.  Das Pferd ist ein kritischer Beobachter, ein gnadenloser Spiegel, der uns und unser Verhalten ungeschönt reflektiert. Dadurch können wir lernen. Nicht umsonst in von alters her der Umgang mit Pferden eine wichtige Ausbildungsstufe im Werdegang einer Führungsperson gewesen.