
Seit vielen tausend Jahren ist das Pferd Begleiter des Menschen. Neben dem Hund ist es das Tier, das sich am längsten und vielleicht auch am innigsten dem Homo sapiens angeschlossen hat. Ich rede dabei nicht so gerne von Domestikation des Nutztieres durch den Menschen, sondern von einer Symbiose, die beide Arten eingegangen haben. Auch wenn für das Einzelindividuum Pferd dieser Vorgang oft mühevoll, schmerzhaft und letztendlich zerstörerisch war (und ist), so hat er doch für die Art immense Vorteile gebracht. Nicht nur daß Equus caballus sich dadurch vor der Ausrottung bewahren konnte, sondern der Mensch hat seinen treuen Gefährten und unersetzliches Arbeitstier auch in jeden Winkel der Erde mitgenommen. Das Pferd konnte so eine Verbreitung erreichen, die es von Natur aus nicht gehabt hat. Auch die Individuenzahl erreichte ein Maß, das für eine natürliche Population nicht denkbar gewesen wäre. Schließlich bedeutet für den genetischen Erfolg einer Art das Schicksal des Individuums nichts, Ausbreitung und Kopfzahl alles.
Dem Pferd kam dabei sein erstaunliches Anpassungsvermögen zustatten, das
ihm nicht nur ermöglichte, sich an fast alle Klimate unseres Planeten zu
adaptieren (Ausnahme: tropisches Afrika, bedingt durch Parasiten), sondern
auch in Umgebungen sein Leben und seine Nutzbarkeit zu erhalten, die völlig
naturfremd sind. Und das bei einer Ernährung, die seinen Bedürfnissen als
Grasfresser in keiner Weise entspricht. Ich denke dabei unter anderem an das
Stadtpferd im 19. Jahrhundert, das in einem Verschlag neben der Kellertreppe
gehalten wurde, Hafer und Häcksel zu fressen bekam und als Motor für diverse
Fortbewegungsmittel diente. Oder an das Grubenpferd, das in der gleichen
historischen Periode unter Tage schuften mußte. Oder nicht zuletzt an das
heutige Sportpferd, das in 4x4-Meter-Käfigen gehalten wird, in Reitbahnen für
das Geltungsbedürfnis seines Besitzers Höchstleistungen erbringen muß und
sich nie seinem natürlichen Bewegungsdrang und dem unbeeinflußten Kontakt mit
Artgenossen hingeben darf.
In den letzten Jahrhunderten hat sich in unserem Kulturkreis in ethischer Hinsicht einiges getan. Der Vorteil der Gruppe, des Kollektivums, tritt in den Hintergrund, im Blickpunkt steht das Individuum und sein Schicksal. Ihm wird vermehrt physische Integrität, ein gewisses Maß an Freiheit, persönliches Glücksempfinden, Zufriedenheit zugestanden. Als neuster Trend gilt das nicht nur für Menschen (aller Rassen?), sondern auch für dem Menschen nahestehende Tiere.
Eine löbliche Entwicklung, wenn sie ernst gemeint ist, und nicht nur aus kommerziellen Gründen inszeniert wird. Gerade für das "Mitwesen" Tier impliziert das aber, daß man über dessen wahre Bedürfnisse informiert ist. Für Wildtiere ist das relativ einfach, man läßt sie am besten dort, wo sie von Natur aus vorkommen und dann möglichst noch in Ruhe. Doch was ist mit unseren Haus- beziehungsweise Nutztieren. Wir haben sie nach unseren Vorstellungen geformt, selektiert was Nutzen versprach. Können wir für sie noch die Maßstäbe der Wildtiere anlegen, um sie "glücklich" zu machen? Oder sind sie uns so nah geworden, daß wir ihre Bedürfnisse vermenschlichen können?
Besonders für das inzwischen "nutzlose Nutztier" Pferd, das vom Arbeitssklaven zum Freizeitpartner mutiert ist, stellt sich diese Frage. Wie gerne würden wir es unserem Liebling nach menschlicher Einschätzung gemütlich machen. Doch tun wir ihm damit eine Freude?
Auch wenn der Mensch das Pferd seit Jahrtausenden geformt hat, so hat er doch seine Vitalität nicht reduziert. Es ist kein zitternder Rehpinscher geworden, keine Kuh mit Monstereuter, kein Schaf, das geschoren werden muß, keine nackte Katze, sondern es ist ein höchst lebenstüchtiges Wesen geblieben, daß ohne seinen zweibeinigen Hüter auskommen kann.
Als solches will es auch behandelt werden, davon bin ich überzeugt.
Ein weiterer Faktor soll nicht unerwähnt bleiben,. Wir "modernen" Menschen sind dabei zu lernen, daß Annehmlichkeiten und Bequemlichkeiten nicht alles im Leben sind. Das Bild vom typische Wohlstandsbürger, mit der Bierflasche in der linken und der Chipstüte in der Rechten im weichen Sessel und überheizten Zimmer vor dem Fernseher sitzend, ist zu einer Karikatur von Freizeitgestaltung und Entspannung geworden. Fitness und sportive Beschäftigungen sind angesagt, weil wir gemerkt haben, daß diese Art von Faulenzen - oder umschreiben wir es mit wissenschaftlichen Worten: Leben in umweltreizarmer Umgebung - der Gesundheit, dem Wohlbefinden und der Leistungsfähigkeit abträglich ist. Man setzt seinen Körper in Sauna und Abkühlbecken hohen Temperaturdifferenzen aus, um das Immunsystem zu stärken. Man joggt (oder neuerdings "nordic walkt") durch den Stadtpark, um einige Kilos loszuwerden. Man schafft künstlich einen Umwelt- und Belastungsstreß, um seinem Körper die Reize zuzuführen, die er für den Erhalt einer gesunden Konstitution braucht.
Schon die alten Römer wußten, wer bequem lebt wird krank und dekadent. Nur unsere lieben Pferde (Mit "uns" meine ich unsere Gesellschaft, der ich zwangsläufig angehöre. Für die Pferde, die bei mir stehen, gilt das selbstverständlich nicht mehr.) stehen noch 23 Stunden am Tag in ihren goldenen Käfigen und kennen Wind und Wetter nur vom Hörensagen - überernährt, immunschwach, phlegmatisch und unausgeglichen.
Doch schauen wir uns die biologischen Vorgaben an, die Equus caballus in allen Erscheinungsformen charakterisieren. Es hat sich physisch und psychisch nicht weit vom Wildtier entfernt. Lernen wir daraus, welche Umgebung wir schaffen müssen, um unseren Freund gesund, leistungsfähig und zufrieden zu halten. Und lernen wir die Tragweite der Kompromisse abzuschätzen, die wir eingehen müssen, um seine und unsere Vorstellungen in Einklang zu bringen.
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