
Islandpferde und Traber sind zwei Rassen, die von Ihrem äußeren Erscheinungsbild unterschiedlicher kaum sein können. Die einen gelten als Inbegriff des nordischen Pferdes: kleinwüchsig, zäh und robust. Man kann sie mit gutem Gewissen als Pony bezeichnen, auch wenn das in der Islandpferdeszene nicht gerne gehört wird. Die menschlichen Isländer bezeichnen ihre Tiere als "hestar", als Pferde. Das liegt aber wohl daran, daß es auf der Insel keine anderen Rassen zum Vergleich gibt.
Die Traber hingegen erscheinen dem unvoreingenommenen Betrachter als grazile und etwas kapriziöse Rennpferde. Aber auch sie sind zäh und ausdauernd und gar nicht so überdreht, wie man es von auf Schnelligkeit getrimmten Vollblütern erwartet. Die anderen Wurzeln ihrer Rasse, europäische und amerikanische Gebrauchs-Wagenpferde, haben sie mit einem Erbmaterial versehen, das sie für den Einsatz als Trekkingpferde ebenfalls prädestiniert.
Laßt mich zuerst davon erzählen, was diese Rassen gemeinsam haben: Beides sind Gangpferde, und diesen Begriff muß ich erklären. Es ist bekannt, das alle Pferde drei Grundgangarten haben: Schritt, Trab und Galopp. Wie die aussehen, muß ich wohl keinem pferdeinteressierten Menschen beschreiben. Gangpferde haben noch mehr Möglichkeiten, ihre Beine zu gebrauchen.
Da ist der berühmte
Tölt, durch den die Isländer vor dreißig Jahren in
Europa und Amerika berühmt worden sind. "Tölt" ist auch ein
isländischen Wort, das in viele Sprachen übernommen wurde, weil diese kein
eigenes dafür haben. Stimmt nicht ganz, im Deutschen gibt es ein Wort vom
gleichen sprachkundlichen Stamm: "Zelter". Es stammt aus dem
Mittelalter und beschreibt ein schlankes Pferd mit weichen Gängen, das
hauptsächlich von Damen geritten wurde. Auf alten Bildern kann man durchaus
Ähnlichkeiten mit unseren Trabern erkennen, auch in der Art der Beinbewegung.
Tölt ist eine schnelle Viertaktbewegung, im Verlauf ähnlich dem Schritt, aber
eben viel flotter. Viele Pferdrassen können das, mehr oder weniger. Die Veranlagung
dazu ist züchterisch beeinflussbar. Folglich ist der Tölt bei einigen weggezüchtet
(zum Beispiel bei den Warmblutpferden), bei andern gefördert worden. Für den
Reiter ist es eine bequeme Sache, er kann bis in mittlere Geschwindigkeit weich
sitzen,
ohne die Stöße des Trabes. Deswegen findet man töltende Rassen
überall dort auf der Welt, wo es wenig Straßen gab, und ältere oder ungeübte
Leute sich reitend über längere Strecken fortbewegten mußten,
Eine weitere Gangart ist der Pass. Das ist ein Zweitakt, wie der Trab. Doch während im Trab die diagonalen Beine - also zum Beispiel vorne links und hinten rechts - gemeinsam bewegt werden, werden im Pass die Beine einer Seite gekoppelt nach vorne geführt. Die Sprungphase, die den Reiter im Trab hochfliegen läßt, fällt im Pass flacher aus. Statt dessen bemerkt man eine Schaukelbewegung von einer Seite zur andern. Pass und Trab sind für die Pferde sehr ökonomisch, bei Kutschpferden sind beide Gänge beliebt, weil die Tiere weite Strecken mit relativ hoher Geschwindigkeit zurücklegen können. Pferde sind von ihrer Veranlagung her entweder auf Trab oder auf Pass ausgerichtet, ähnlich wie es bei dem Menschen Rechts- und Linkshänder gibt. Ein Passpferd auf Trab oder umgekehrt umzutrainieren ist sehr schwierig.
Pass und Trab haben etwas gemeinsam: Beide gibt es auch noch in einer
Hochgeschwindigkeitsform, eben Rennpass oder Renntrab. Die Traber sind für letzteres berühmt, bei den Isländern kennt man Passrennen. (Das soll
natürlich nicht heißen, daß es nicht auch Traber gibt, die Rennpass gehen.)
Diese Hochgeschwindigkeitszweitakte sind eigentlich als eigenständige Gänge zu
betrachten, weil die Dynamik eine
andere ist, ähnlich der Beziehung Schritt zu
Tölt. Während bei den langsamen Stufen der Zweitakte das Pferd Sprung an Sprung aneinander reiht, liegt es beim hohen Tempo quasi
fliegend in der Luft und "paddelt" mit den Beinen auf die Erde. Die
Isländer sprechen deshalb auch vom "Fliegendem Pass".
Erstaunlicherweise sind beide Gangformen für den Reiter recht angenehm. Er
bleibt sitzen oder steht leicht in den Bügeln. Unter ihn tobt der Muskelmotor
des Pferdes und die Beine fliegen. Eine ungeheuer dynamische und kraftstrotzende
Angelegenheit, 50 km/h werden auf gerades Strecken gut erreicht.
Um die Verwirrung komplett zu machen gibt es auch noch alle denkbaren Übergänge zwischen Pass und Tölt beziehungsweise Trab und Tölt. Während bei der wettkampfmäßigen Islandpferdereiterei diese Übergänge verpönt sind, sind einige speziell definierte Versionen bei anderen Gangpferderassen in Prüfungen erlaubt. Bei unseren Ausritten tolerieren wir alles, was die Pferde uns in dieser Hinsicht bieten. Jede Variante ist auf ihre Art und Weise interessant und schön, und es hat für die Pferde sicher einen triftigen Grund, warum sie bei einer bestimmten Geschwindigkeit oder Geländeform von einer in die andere wechseln. Auch der Reiter beeinflußt diese Tendenzen. Sitzt er weich und angepaßt im Sattel, revanchieren sich manche Pferde mit einen traumhaft weichen und gleichmäßigen Viertakt. Gehört der Reiter mehr in die Kategorie "Plumpssack", driftet die Bewegung in Richtung Zweitakt ab. Das gilt für unsere Traber sowohl wie für unsere Isländer.
Noch ein letzter Gang darf nicht unerwähnt bleiben. Es ist das der "Kanter". Der Begriff kommt aus der amerikanischen Gangpferdereiterei. Es ist ein viertaktender Galopp, oder anders ausgedrückt, ein Tölt mit eingebauter Sprungphase. Der Reiter wird schwebend, quasi im Schwingungsknoten sitzend, getragen, das Pferd schaukelt vor wie auch hinter ihm auf und ab. Der Reiter fühlt sich der Erdenschwere entrückt, zwar nicht übermäßig schnell, aber wie auf einer Wolke sitzend. Seltsamerweise mögen die sportmäßigen Islandpferdereiter den Kanter nicht und schimpfen ihn "Galopprolle". - Wat dem ihn sin Uhl, is dem annern sin Nachtigal.
Weiterhin beiden Pferderassen gemeinsam ist der
Vorwärtsdrang, die Unermüdlichkeit, mit der der Reiter getragen wird. Das macht sie für unsere
Form des Reitens so attraktiv. Beide Rassen sind nervenstark und unerschrocken,
worin die Traber trotz ihres Vollbluterbes die Isländer noch übertreffen.
Außerdem sind sie extrem witterungsresistent, mit Sicherheit gefördert durch
unsere natürliche Weidehaltung. Bei den Isländern verwundert das nicht. Bei den
Trabern wird es verständlicher, wenn man erfährt, das Russenpferdeblut (Orlowtraber)
in ihren Adern fließt.
Und die Unterschiede? Die Traber sind menschenbezogener als die Isländer und lassen sich in Grenzsituationen leichter dazu überreden, dem Reiterwunsch Folge zu leisten. Die Isländer sind selbstbewußter und haben den unwiderstehlichen Charme eines Ponydickschädels.
Die Gänge der Traber sind natürlich raumgreifender und schwungvoller als die der Kleinen. Die Bewegungen der Isländer sind gemäßigter, aber durch die kurzen Schritte auch schüttelnder. Ungeübte Reiter oder Kinder kommen damit besser zurecht. Vielleicht ist es auch nur die geringere Höhe für einen potentiellen Sturz, die diesen Eindruck erweckt.
Für das Reiten ohne Sattel sind beide Rassen auf ihre Art gut geeignet. Die rundlichen Isländer bieten einen hohen Sitzkomfort, sind aber gleichzeitig rutschiger bei Seitenbewegungen. Auf den Trabern hat man bedingt durch den hohen Rücken einen definierten und sicheren Sitz, leidet aber je nach Können wegen der knochigen Wirbelsäule und dem gewaltigen Trab.
Beide Pferderassen haben ihre eigenen Reize, ihren speziellen Charme. Wir haben Gäste, die sich für die einen oder für die anderen mehr begeistern. Aber viele Reiter finden es reizvoll, sich mal dem einen, mal dem anderen Bewegungsmuster anzupassen und wechseln gerne je nach angebotener Tour. Das ist problemlos möglich, da alle unsere Pferde nach gleichen Grundsätzen ausgebildet sind.