
Mein Reiterleben fing ganz konventionell an: als "Spätberufener" - ich war 22 - versuchte ich aus Liebe zu einer Frau, aber auch in Erfüllung alter Kindheitsträume, die Reitkunst im "Tattersaal" eines kleinen Reitbetriebes im Kölner Norden zu lernen. Das war katastrophal und äußerst uneffektiv und ich war nahe dran die Angelegenheit aus Gründen des Selbsterhaltungstriebes als abgehakt zu betrachten, als mir von einer Studienkollegin ein guter Reitlehrer in Umland von Köln empfohlen wurde. Ich wechselte mit meinen Anfängerkumpels dort hin, und wir erhielten eine Grundausbildung, die ich jedem Reitanfänger wünschen möchte. Vor allen Dingen wurde uns beigebracht, daß ein schöner Sitz nicht das Maß aller Dinge ist (außer in einer Prüfung), sondern daß die Einwirkung auf das Pferd entscheidend ist.
Parallel zu meiner dressurmäßigen Ausbildung ritt ich in dieser Zeit immer wieder im Sauerland auf einem Ponyhof. Hier lernte ich Islandpferde kennen und erfuhr die Freude am rasanten Galopp durch den Wald. In dieser Zeit wurde Distanzreiten zu einem bekannten Sport, und meine Gastgeber mischten dabei in den oberen Rängen mit. Auch ich absolvierte meinen ersten 100km-Ritt und lernte, meine Kräfte und die meines Pferdes einzuteilen. Der Tölt der Islandpferde war damals etwas völlig neues, und wir probierten alles mögliche. Beliebt waren Schrittrennen über 10 km oder Versuche, Bosniakenpferde ans Tölten zu bekommen. (Oh Wunder, sie konnten es!)
Es war nur eine Frage der Zeit, bis meine pferdenärrische Lebensgefährtin und ich eigene Islandpferde hatten. Weniger eine Frage des Geldes, denn es stand außer Frage, daß wir unsere Tiere naturnah auf einer Weide in der Eifel halten wollten. Das war damals absolut unüblich: das Vieh hatte zu Allerheiligen in den Stall zu kommen und dort bis Ende April zu bleiben. So war die einhellige Meinung der eifeler Bevölkerung, und sie schickten uns Tierschutzverein, Polizei und Veterinäramt im steten Wechsel auf den Hals. Ich lernte zu argumentieren, mich zu behaupten und mir ein dickes Fell zuzulegen.
Beinahe zwangsläufig stand 1979 ein Urlaub in
Island für uns auf dem
Programm. Wir hatten an der Uni einen isländischen Studenten, Arinbjörn
Jóhannsson, kennen gelernt.
Der war anfangs recht überrascht von unserem Interesse an den Pferden seiner
Insel, aber dann hatten wir ihn mit dem Pferdevirus (re-)infiziert. Wenn schon
mit seinem gerade abgeschlossenen Studium kein Blumentopf zu gewinnen war, dann
vielleicht mit Ponytouren in seiner Heimat, (die er übrigens heute immer noch
anbietet: www.geysir.com/Brekkulaekur
). Pferde gab es auf dem Hof seiner Eltern
und bei seinen Nachbarn genug.
Ich trieb mich drei Monate auf der Insel herum, größtenteils mit dem Motorrad. Aber ich verbrachte auch mehrere Wochen bei meinem Freund Abbi, mit und auf seinen Pferden. Hier lernte ich ein ganz anderes Reiten kennen, als ich es in Deutschland gelernt hatte. Etwas poetisch kann man sagen, daß ich hier mein reiterliches Damaskuserlebnis hatte: von einem Dressur-Saulus wurde ich zu einem Paulus in einer Reitweise, für die ich bis heute noch keinen treffenden Namen gefunden habe. Auch wenn mein "Damaskus" nicht so dramatisch war wie das, von dem das alte Buch berichtet, so war es nicht minder eindrucksvoll und bestimmend für mich.
Als ich wieder zu Hause war, beglückte ich meine Pferdchen mit dem neu Erfahrenen. Es stand nicht mehr so sehr in Vordergrund, wie das Pferd
ging, sondern daß das Reiten für alle Beteiligten - also auch für die Pferde
- möglichst bequem und angenehm war. Mich hatte der Pragmatismus fasziniert,
mit dem die isländischen Bauern in Bezug auf ihre Pferde und auch ihr ganzes
Leben zur Sache gingen. Gleichzeitig erstaunten mich aber auch die Zugeständnisse, die sie an die
Individualität und Persönlichkeit ihrer Tiere machten. Ich verstand zwar
ihre Sprache kaum, aber wenn sie über Pferde redeten, konnte ich aus dem Klang
ihrer Stimme und dem Glanz in ihren Augen Liebe, ja beinahe
Verehrung für diese
Tiere ablesen.
So ganz nebenbei hatte ich in Island auch noch Hufe Beschlagen gelernt, und damit war ich vollends versaut für eine konventionell deutsche Karriere in Sachen Pferdesport.
Über zwei Jahrzehnte dümpelte meine Liebe zu Pferden so dahin. Ich hatte zwar meine Islandpferde und mit ihnen auch viel Freude bei Ritten durch die Eifel. Auch züchtete ich ein wenig mit ihnen, aber nur aus Spaß und entgegen den deutschen Qualitätsvorstellungen. Aber dann kamen durch mehrere Zufälle Vollblutpferde in mein Leben, und dadurch flackerte die fast erloschene Glut wieder auf. Und wie das mit solchen Loderfeuern eben ist, sie überrennen alles andere: Pferde sind nun der Mittelpunkt meines Lebens.
Wie schon gesagt, die Reitweise, derer wir uns hier befleißigen, hat keinen Namen. Vielleicht weil sie einerseits so simpel und fundamental ist. Andererseits verlangt sie vom Reiter, daß er über mehr verfügt als nur über eine erlernte Technik. Er muß bereit sein sich selber zu verändern und seinen Körper dem des Pferdes anzupassen. Er muß das Pferd als gleichberechtigtes Wesen akzeptieren, und beide gemeinsam müssen versuchen, eine gemeinsame Mitte zu finden, von der aus sie die gestellten Aufgaben erfüllen können. Er muß beobachten können, lauschen, fühlen was unter ihm - und um ihn und sein Pferd herum - vorgeht.
Was sich hier so abgehoben anhört ist in der Praxis ganz real. Unsere Pferde nehmen dem Reiter viel Arbeit ab, sie sind einfach gut und mögen die Menschen. Und wenn der Reiter nicht völlig gefangen ist in seiner bisherigen Denkweise, werden sie ihn bald mitnehmen in ihre Welt der Harmonie.
Im Folgenden möchte ich die Grundlagen unserer Reitweise kurz charakterisieren:
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